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Anna Seidel’s Weg zurück.

2014 bei den Olympischen Spielen war Anna Seidel mit 15 Jahren das „Küken“ im deutschen Team, sammelte in Sotschi wertvolle Erfahrungen für die zukünftige Karriere. Doch vor fast genau einem Jahr, am 18. Juni 2016, stürzte Deutschlands beste Shorttrackerin im Training schwer. Die Schock-Diagnose: Bruch des Brustwirbels. Mit ein wenig mehr Pech hätte sie querschnittsgelähmt sein können. Der Traum von den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang schien in weite Ferne gerückt.

Schock-Diagnose nach schwerem Sturz

Die erste Diagnose im Krankenhaus – Kompressionsfraktur des 12. Brustwirbels – war „vor allem für mein Herz schmerzhaft: mindestens acht Wochen kein Sport“, blickt Anna Seidel heute zurück. Nach vier Tagen Krankenhausaufenthalt ging es der 19-Jährigen allerdings schon deutlich besser – und sie wurde in der Annahme, dass die Bänder nicht auch beschädigt sind, ohne weitere Untersuchungen aus der Unfallklinik entlassen. „Die Ärzte sagten mir, ich sei noch jung und sportlich, und alles würde sicher gut verheilen.“

Ein Glück, dass sich ihre betreuenden Sportärzte darauf nicht verließen, denn nach dem nachträglich veranlassten MRT kam ein alarmierender Anruf aus dem Krankenhaus: „Frau Seidel, kommen Sie bitte sofort, und seien Sie vorsichtig.“ Sichtlich aufgeregt brachten ihre Eltern sie in die Notaufnahme, in der sie erfuhren, dass die Bänder gerissen seien und sie nun operiert werden müsse. Schon ein Ausrutschen oder ein leichter Verkehrsunfall könnten sie für immer an den Rollstuhl fesseln. „Da lag ich also nun wieder in einem der Krankenhausbetten, und mein Gefühl im Magen war diesmal um einiges mulmiger.“

Komplizierte Operation

Am 27. Juni, neun Tage nach ihrem Sturz, wurden im Rahmen der Operation vier Schrauben und zwei Stäbe an den Wirbeln befestigt. Wer Anna Seidel kennt, weiß, dass sie kein wehleidiger Mensch ist und kaum jammert. „Doch an den Tagen nach der OP hatte ich die schlimmsten Schmerzen, die ich bis jetzt in meinem Leben erlebt habe.“ Das Liegen auf den Narben, die neuen Fremdkörper im Rücken und der Fakt, ans Bett gefesselt zu sein, „raubten mir schon ziemlich die Nerven“. Nach ein paar Tagen konnte sie jedoch das erste Mal aufstehen, von da an ging es aufwärts.

Sonderkader “COMEBACKSTRONGER”

Von der Deutschen Sporthilfe wurde sie in den Sonderkader „Comebackstronger“ aufgenommen, in dem Athleten während einer längeren Verletzungspause weiter in dem bisherigen Umfang unterstützt werden können. Als zusätzliche Motivation bekam die Dritte der Olympischen Jugendspiele von 2016 ein ComeBackStronger-Shirt zugeschickt, das sie in den kommenden Wochen und Monaten ihrer Reha begleiten sollte.

Die Reha-Phase beginnt

Rund vier Wochen nach der OP bekam sie grünes Licht für die tägliche Physiotherapie. „Ich lernte, meinen Rücken wieder normal zu bewegen und vor allem erstmal zu kräftigen. Was ich in dieser Zeit außerdem lernte: Geduld zu haben.“ Nach insgesamt sechs Wochen kompletter Pause – für einen Leistungssportler eine unvorstellbare lange Abstinenz – konnte Anna endlich wieder mit leichtem Training „auf dem Land“ beginnen. Für eine Eis-Sportlerin bedeutet das: Schwimmen, locker auf dem Ergometer fahren und Rumpfkräftigung. Dann kam der 29. August. Zehn Wochen nach ihrem Sturz durfte die 1,66 m große Athletin zum ersten Mal wieder aufs Eis! „Es war so ein tolles Gefühl, endlich wieder Kufen unter den Füßen zu spüren, nachdem ich so lange diesem Moment entgegengefiebert hatte.“ Natürlich war sie in der Beweglichkeit zunächst noch ein wenig eingeschränkt, auch der Kopf spielte anfangs noch nicht mit, doch „zusammen mit unserer Psychologin lernte ich, einfach zu laufen und nicht mehr an den Sturz zu denken.“

Der erste Wettkampf nach der Verletzung

Der Weg zurück in den internationalen Wettkampsport dauerte dennoch weitere fünf Monate. Zunächst stand elementares Ausdauertraining im Vordergrund. „Wie will man die Spitze eines Hauses bauen, ohne ein ausreichendes Fundament zu haben?“ Dabei hatte Deutschlands Shorttrack-Hoffnung bereits schon die Olympischen Spiele im Auge. Es ging also anfangs noch deutlich häufiger aufs Rad, bevor wieder mehr die geliebten Eis-Einheiten folgten. Anfang Februar dann endlich der erste Wettkampf, der Heimweltcup in Dresden. „Spaß machte es auf jeden Fall, wieder gegen andere Läufer anzutreten, doch ich merkte, dass ich noch lange nicht wieder in alter Topform war.“ Durch intensives Training – „ich merkte von Tag zu Tag, wie ich langsam wieder die ‚alte Anna‘ wurde“ – kämpfte sie sich zur WM im März, erreichte dort einen 17. Platz, „mit dem ich mehr als zufrieden bin“. Die Rennen haben Anna positiv gestimmt, jetzt blickt sie zuversichtlich auf die olympische Saison. „Ich bin so glücklich, einen Haken hinter die Saison machen zu können und für die Olympiasaison einen Neustart vor mir zu haben.“

Drei Tage nach der WM ließ sich Anna dann noch die Metallschrauben aus ihrem Rücken entfernen. „Durch die sportliche Belastung rieben sie immer auf meiner Haut und verursachten täglich Schmerzen. Ich konnte es kaum erwarten, das ‚Zeug‘ nach der Saison endlich loszuwerden.“ Als sie aus der Narkose aufwachte, „fühlte ich mich irgendwie befreit“.

“What doesn’t kill you, makes you stronger!”

Ziemlich genau ein Dreivierteljahr dauerte ihr Comeback. Dennoch wird die Verletzung auch noch in den nächsten Wochen eine große Rolle spielen. Doch Anna sieht darin nicht nur negative Seiten: „Im Sommer hatte ich die Möglichkeit, die verpasste Zeit der letzten Jahre mit meinen Freunden aufzuholen. Ich habe gelernt, geduldig zu sein. Und, dass Sport nicht alles im Leben ist, sondern Gesundheit eindeutig vorgeht.“ Und sie habe gelernt, zu kämpfen und nie aufzugeben. „Auch wenn das ziemlich abgedroschen klingen mag, und man das immer wieder hört, doch ‚what doesn’t kill you, makes you stronger‘. Die neun Monate haben mich definitiv als Persönlichkeit stärker gemacht.“

Textquelle: GO!D-Magazin, Ausgabe 2/2017